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Fazialisparese (Bell's Palsy): HBOT als ergänzende Option

Bei der idiopathischen Fazialisparese schlägt die Standardtherapie nicht immer vollständig an. Was die Forschung zu hyperbarem Sauerstoff bei Bell's Palsy zeigt.

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Fazialisparese (Bell's Palsy): HBOT als ergänzende Option

Eine hängende Gesichtshälfte, das Auge schließt sich nicht mehr vollständig, Sprechen und Trinken werden zur Herausforderung — die idiopathische Fazialisparese, im englischen Sprachraum als Bell’s Palsy bekannt, trifft die Betroffenen oft unvermittelt und ist trotz vergleichsweise guter Prognose mit erheblichem Leidensdruck verbunden.

Was ist eine Fazialisparese?

Der Nervus facialis (VII. Hirnnerv) steuert die mimische Muskulatur einer Gesichtshälfte. Bei einer idiopathischen Fazialisparese — der häufigsten Form — tritt eine einseitige Lähmung ohne eindeutig identifizierbare Ursache auf. Als mögliche Auslöser werden virale Reaktivierungen (insbesondere Herpes simplex) und entzündlich-ödembedingte Kompression des Nervs im knöchernen Kanal diskutiert.

In Deutschland erkranken jährlich schätzungsweise 20.000 bis 30.000 Menschen.

Standardtherapie und ihre Grenzen

Die Leitlinientherapie umfasst hochdosierte Kortikosteroide (in der Regel Prednisolon) in den ersten Tagen nach Symptombeginn, ergänzt durch Augenschutz und Physiotherapie. Unter dieser Behandlung erholt sich die Mehrzahl der Patienten vollständig — aber nicht alle. Ein Teil der Betroffenen behält Restdefizite oder entwickelt Synkinesien (unwillkürliche Mitbewegungen).

Genau hier setzt die Frage an, ob HBOT als Ergänzung zur Standardtherapie den Anteil vollständiger Erholungen erhöhen kann.

Was zeigt die Forschung?

Racic et al. 1997 — kontrollierte Studie

Die am häufigsten zitierte klinische Studie zu diesem Thema wurde 1997 in der Fachzeitschrift Undersea and Hyperbaric Medicine veröffentlicht. Untersucht wurden 79 Patienten, die entweder HBOT (2,8 ATA, 60 Minuten, zweimal täglich) oder Prednison erhielten.

Das Ergebnis: Eine vollständige Erholung trat bei 95,2 % der HBOT-Patienten ein, gegenüber 75,7 % in der Prednisongruppe. Die mittlere Erholungszeit lag bei 22 Tagen (HBOT) gegenüber 34,4 Tagen (Prednison). Der Unterschied war statistisch signifikant (p < 0,001).

Die Studie ist methodisch nicht ohne Schwächen — keine Placebo-HBOT-Kontrolle, einfachblind, älteres Studiendesign. Cochrane-Reviews zur Fazialisparese und HBOT stufen die Gesamtevidenz als begrenzt ein.

Singh et al. 2025 — Fallserie

Eine kürzlich im Journal of Family Medicine and Primary Care erschienene Fallserie (n=7) untersuchte HBOT (2,4 ATA, 90 Minuten, 10–20 Sitzungen) in Kombination mit Prednisolon und antiviraler Therapie. Alle sieben Patienten zeigten eine Verbesserung auf der House-Brackmann-Skala, die die Schwere der Parese bewertet.

Fallserien liefern keine Kausalität, geben aber Hinweise auf die Anwendbarkeit im klinischen Alltag.

Warum könnte HBOT wirken?

Der theoretische Hintergrund ist plausibel: Hyperbare Sauerstofftherapie reduziert Entzündungsödeme und verbessert die Sauerstoffversorgung von Nervengewebe. Da die Fazialisparese zumindest teilweise auf eine Kompression des Nervs im knöchernen Kanal durch ein Ödem zurückgeführt wird, könnte HBOT genau an diesem Punkt ansetzen.

Zudem sind aus anderen neurologischen Kontexten — etwa dem Hörsturz — neuroprotektive Effekte des Hyperoxie-Zustands in der wissenschaftlichen Literatur beschrieben.

Zeitfenster

Wie bei vielen akuten neurologischen Erkrankungen gilt auch hier: Je früher, desto besser. Die in der Literatur berichteten Ergebnisse beziehen sich auf Behandlungsbeginn in den ersten Tagen nach Symptombeginn. Ob späte Behandlungsversuche bei bereits chronischer Parese noch sinnvoll sind, ist wissenschaftlich nicht ausreichend belegt.

Unsere Einschätzung

Die Fazialisparese ist keine klassische HBOT-Indikation im Sinne der Leitlinien — die Evidenz ist begrenzt und die verfügbaren Studien haben methodische Einschränkungen. Gleichzeitig gibt es biologisch plausible Wirkmechanismen und erste klinische Hinweise auf Nutzen.

Wenn Sie an einer Fazialisparese erkrankt sind und die Standardtherapie begonnen haben, aber unsicher sind, ob HBOT eine sinnvolle Ergänzung wäre: Sprechen Sie uns an. Wir bewerten Ihre individuelle Situation und beraten Sie, ob und in welchem Zeitfenster ein Behandlungsversuch in Betracht kommen könnte.

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