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Long COVID und ME/CFS in Deutschland 2025: Neue Kostendaten zeigen anhaltende Belastung

Aktualisierter Bericht der ME/CFS Research Foundation und Risklayer (April 2026): 1,4 Millionen Betroffene, 64,4 Milliarden Euro Kosten allein 2025 — und eine wachsende Lücke zwischen Schaden und Forschungsförderung.

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Long COVID und ME/CFS in Deutschland 2025: Neue Kostendaten zeigen anhaltende Belastung

Im April 2026 haben die ME/CFS Research Foundation und das Risikoanalyse-Unternehmen Risklayer einen aktualisierten Bericht zu den gesellschaftlichen Kosten von Long COVID und ME/CFS in Deutschland veröffentlicht. Der Bericht schreibt eine erstmals im Mai 2025 erschienene Analyse fort und liefert nun Daten für den gesamten Sechsjahreszeitraum von 2020 bis 2025.1

1,4 Millionen Betroffene — leichte Verschiebung zwischen den Erkrankungen

Ende 2025 lebten dem Modell zufolge in Deutschland:

  • 756.808 Menschen mit Long COVID
  • 656.951 Menschen mit ME/CFS (einschließlich ME/CFS als Folge von COVID-19)

Insgesamt sind das mehr als 1,4 Millionen Menschen mit einer dieser beiden chronischen Multisystemerkrankungen. Im Vergleich zum Vorjahr ging die Zahl der Long-COVID-Fälle leicht zurück, während die ME/CFS-Fälle etwas anstiegen. Beide Erkrankungen führen häufig zu dauerhaften Funktionseinschränkungen und Erwerbsunfähigkeit.

64,4 Milliarden Euro allein im Jahr 2025

Die gesellschaftlichen Kosten durch Long COVID und ME/CFS in Deutschland beliefen sich 2025 auf 64,4 Milliarden Euro — nach 63,1 Milliarden Euro im Vorjahr. Das entspricht rund 1,44 % des Bruttoinlandsprodukts.

Über den gesamten Sechsjahreszeitraum 2020–2025 summieren sich die Kosten auf 318,8 Milliarden Euro. In diese Berechnung fließen medizinische Versorgung, Pflege, Arbeitsausfälle, Sozialleistungen und entgangene Steuereinnahmen ein. Die Kostenmodellierung folgt bewährten Methoden der Katastrophenfolgenabschätzung; das Datenmodell steht Open Source zur Verfügung.

Hohe Dunkelziffer bei Neuinfektionen

Das Infektionsgeschehen bleibt weiterhin hoch: 2025 infizierten sich in Deutschland schätzungsweise 13 bis 15 Millionen Menschen mit SARS-CoV-2. Diese Zahl basiert auf Abwasserlastmessungen und Meldungen aus Notaufnahmen — und liegt laut Bericht 80 bis 200-fach über den offiziellen RKI-Zahlen. Jede weitere Infektion birgt das Risiko neuer Long-COVID- und ME/CFS-Fälle.

Forschungsausgaben stehen nicht im Verhältnis zum Schaden

2026 hat die Bundesregierung im Rahmen der „Nationalen Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen” angekündigt, von 2026 bis 2036 jährlich 50 Millionen Euro in die Erforschung postinfektiöser Erkrankungen zu investieren. Zu den Schwerpunkten gehören Krankheitsmechanismen, Immunologie, Diagnostik, Biomarker, Neurologie und ME/CFS.

Jörg Heydecke, Geschäftsführer der ME/CFS Research Foundation und Co-Autor des Berichts, mahnt:

„Jährlichen Kosten von 64,4 Milliarden Euro stehen jetzt 500 Millionen Euro an angekündigter Forschungsförderung der Regierung über die nächsten 10 Jahre gegenüber. Eine schnelle und effektive Vergabe dieser Fördermittel ist entscheidend. Die Entwicklung wirksamer Behandlungsmöglichkeiten ist der einzige Hebel zur nachhaltigen Kostensenkung.”

Gesellschaftliche Aufmerksamkeit

Long COVID und ME/CFS erhalten in Teilen der Öffentlichkeit, Politik und Wirtschaft wachsende Aufmerksamkeit, sind aber noch nicht in allen Bereichen breit verankert. Medien wie das Manager Magazin und der WDR berichten zunehmend über die volkswirtschaftliche Dimension der Erkrankungen.23 Patienteninitiativen wie Long COVID Deutschland drängen auf übergreifende Versorgungsnetzwerke und stärkere politische Priorisierung.4 Viele Betroffene berichten, sich im Versorgungsalltag unzureichend begleitet zu fühlen.

Politisch hat das Bundesgesundheitsministerium bis 2028 insgesamt 34 Forschungsprojekte mit rund 118 Millionen Euro gefördert; 2025 kamen zusätzlich 2 Millionen Euro für Long-COVID-Forschung hinzu.4 Hinzu kommt die geplante „Nationale Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen” (2026–2036, 50 Millionen Euro jährlich). Betroffenenverbände und Wissenschaftler weisen darauf hin, dass diese Mittel angesichts der modellierten Kosten von 64,4 Milliarden Euro pro Jahr in einem starken Missverhältnis stehen.5

Gesamtwirtschaftliche Pläne und offene Fragen

Ein umfassender gesamtwirtschaftlicher Aktionsplan existiert bislang nicht. Die bestehenden Ansätze sind auf mehrere Bereiche verteilt:

  • Forschung: Allianz postinfektiöser Erkrankungen, 500 Millionen Euro geplant bis 2036
  • Versorgung: Post-COVID-Richtlinie (postCOV-RL), Aufbau von Kompetenzzentren
  • Leitlinien: Die AWMF-Leitlinie „Long/Post-COVID-Syndrom” (S1, 2025) beschreibt diagnostische und therapeutische Empfehlungen6

Patienteninitiativen haben eigene Aktionspläne vorgelegt, die unter anderem Task-Forces, beschleunigte Therapieforschung und zusätzliche Budgets von mindestens 130 Millionen Euro über zwei Jahre fordern.4 Maßnahmen zur Reduzierung des Infektionsgeschehens oder zur Anpassung des Arbeitsmarkts an die anhaltende Erkrankungslast werden in diesen Diskussionen ebenfalls thematisiert, sind aber bisher nicht Teil eines koordinierten Programms.

Einordnung im Vergleich zu anderen Erkrankungen

Zum Einordnen der Zahlen ein Vergleich mit anderen chronischen Erkrankungen, für die Daten aus unabhängigen Quellen vorliegen.78910

ErkrankungBetroffene (ca.)Jährl. gesellschaftl. KostenJährl. Forschungsförderung (ca.)Verhältnis Kosten zu Förderung
Long COVID + ME/CFS1,4 Mio.64,4 Mrd. €50 Mio. € (geplant ab 2026, staatlich)11 : 1.288
Demenz1,8 Mio.~15 Mrd. € (direkte Kosten)8~0,27 Mio. € (privat, DAG 2026)91 : 55.000
Rücken- und Wirbelsäulenerkrankungen>5 Mio. (chronisch)>15 Mrd. €8<1 Mio. € (geschätzt, dezentral)>1 : 15.000
Onkologie (gesamt)~500.000 Neuerkrankungen/Jahr>1.000 Mio. € (DFG, BMBF, gesamt)10deutlich günstiger

Methodische Anmerkungen zum Bericht

Die Zahlen des Risklayer/ME/CFS-Research-Foundation-Berichts sind wissenschaftlich begründet, aber einige Annahmen sind in Fachkreisen nicht unumstritten:

Prävalenz: Die Schätzung von 13–15 Millionen SARS-CoV-2-Infektionen in 2025 basiert auf Abwasserlastmessungen und Notaufnahmedaten — ein methodisch anerkannter Ansatz, der aber höhere Unsicherheitsbereiche hat als direkte Erhebungen. Die offiziellen RKI-Meldezahlen liegen deutlich darunter; beide Quellen erfassen die Realität auf unterschiedliche Weise. Modelle können in beide Richtungen abweichen.

Kostenrechnung: Die Kostenschätzung orientiert sich an Methoden der Katastrophenfolgenabschätzung und schließt indirekte Kosten (Erwerbsminderung, Pflegeaufwand, Steuerausfälle) ein. Das ist methodisch etabliert, macht die Gesamtzahl aber stark abhängig von Annahmen zur Erwerbsbeteiligung — besonders bei ME/CFS, wo schwere Beeinträchtigungen häufig sind.

Vergleichstabelle: Das Verhältnis 1:1.288 (Long COVID/ME/CFS) ergibt sich aus geplanten staatlichen Mitteln; für Demenz wurde in der Tabelle nur ein privater Förderpreis herangezogen, nicht die gesamte öffentliche Alzheimer-Forschungsförderung. Der Vergleich zeigt Größenordnungen, ist aber kein vollständiges Bild der jeweiligen Gesamtförderung.

HBOT als untersuchter Therapieansatz

Im Bereich der hyperbaren Sauerstofftherapie (HBOT) läuft bzw. wurde an der Charité Berlin eine Studie zu ME/CFS durchgeführt. Ein Preprint der Forschungsgruppe um Scheibenbogen und Kim (2025) berichtet bei 30 ME/CFS-Patienten nach 40 HBOT-Sitzungen beobachtete Verbesserungen bei Fatigue, körperlicher Funktion und Schmerz sowie — bei Respondern — eine Normalisierung der thalamischen Konnektivität im MRT.11 Die Ergebnisse sind noch nicht peer-reviewed; die Autoren empfehlen ein größeres kontrolliertes Folgestudie.

Mehr dazu in unserer Studiendatenbank.


Quellen


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Footnotes

  1. ME/CFS Research Foundation / Risklayer: Rising Cost of Long COVID and ME/CFS in Germany — Update 2026 (April 2026) 2

  2. Manager Magazin: Long COVID und ME/CFS: Kosten in Milliardenhöhe in Deutschland

  3. WDR: Neue Initiative für Post-Covid- und ME/CFS-Patienten

  4. Long COVID Deutschland: Nationaler Aktionsplan für ME/CFS und das Post-COVID-Syndrom 2 3

  5. ME/CFS Research Foundation: Gesellschaftliche Kosten durch Long COVID und ME/CFS — Pressemitteilung April 2026

  6. AWMF: Leitlinie Long/Post-COVID-Syndrom (S1, 2025)

  7. Deutsche Gesellschaft für ME/CFS: Daten & Fakten

  8. Goethe-Universität Frankfurt: Erster umfassender Report: Chronische Krankheiten in Deutschland 2 3

  9. Deutsche Alzheimer Gesellschaft: Forschungsförderung 2026 2

  10. Alzheimer Forschung Initiative: Forschung & Förderung 2

  11. Kim L et al.: Hyperbaric oxygen therapy improves clinical symptoms and functional capacity and restores thalamic connectivity in ME/CFS, medRxiv Preprint, Oktober 2025

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