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Forschung 7 Min. Lesezeit

Magen und Darm nach COVID: Wie SARS-CoV-2 das Verdauungssystem langfristig belastet

Reflux, Dyspepsie, Reizmagen — gastrointestinale Beschwerden zählen zu den häufig berichteten Long-COVID-Symptomen. Was aktuelle Studien dazu zeigen.

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Magen und Darm nach COVID: Wie SARS-CoV-2 das Verdauungssystem langfristig belastet

Chronische Erschöpfung, Brain Fog, Atemnot — diese Symptome werden am häufigsten mit Long-COVID verbunden. Weniger bekannt ist, dass auch Magen und Darm von den Langzeitfolgen einer SARS-CoV-2-Infektion betroffen sein können. Mehrere aktuelle Studien liefern belastbare Daten zu einem Thema, das in der klinischen Praxis oft unterbewertet wird.

Was die Forschung zeigt

Eine große Kohortenstudie von Xu et al., 2023 in Nature Communications veröffentlicht, analysierte Daten von über 154.000 COVID-19-Überlebenden und mehr als 11 Millionen Kontrollpersonen aus US-amerikanischen Veteranendaten. Das Ergebnis: COVID-19-Erkrankte zeigten in den Monaten nach der Infektion erhöhte Raten an gastroösophagealem Reflux (GERD), Dyspepsie, peptischen Ulzera, funktionellen Darmstörungen und Pankreatitis — auch bei Personen, die nicht hospitalisiert worden waren.

Eine UK-Biobank-Studie von Ma et al. mit 112.000 Erkrankten und 730.000 Kontrollen (BMC Medicine, 2024) konkretisierte die Risiken: Das Risiko für GERD lag 41 % höher als bei Nicht-Erkrankten (HR 1,41), gastrointestinale Dysfunktion 38 % höher, Magengeschwüre 23 % höher. Bei Personen, die sich wiederholt mit SARS-CoV-2 infizierten, war das Risiko für Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse besonders hoch (HR 2,57).

Ein systematisches Review mit Meta-Analyse von Choudhury et al. (Therapeutic Advances in Gastroenterology, 2022) fasste die Häufigkeit zusammen: Während in der Akutphase etwa 12 % der Erkrankten gastrointestinale Symptome zeigten, stieg dieser Anteil bei Long-COVID auf rund 22 %. Häufigste Beschwerden waren Appetitverlust, Dyspepsie, Reizdarm-artige Symptome und Bauchschmerzen.

Warum der Darm betroffen ist

Die Gründe für gastrointestinale Langzeitfolgen sind noch nicht vollständig geklärt, doch die Forschung hat mehrere Mechanismen identifiziert:

Autonome Nervensystem-Schädigung: SARS-CoV-2 ist neurotroph und kann das enterische Nervensystem — das Nervennetz des Darms — direkt beeinträchtigen. Ein systematisches Review von Elbeltagi et al. (World Journal of Clinical Cases, 2023), das 113 Studien auswertete, beschrieb, wie eine COVID-19-bedingte autonome Dysfunktion zu Sodbrennen, Aufstoßen, Regurgitation und Blähungen führen kann. Überschneidungen mit dem posturalen Tachykardiesyndrom (POTS) als Ausdruck systemischer autonomer Störung wurden ebenfalls dokumentiert.

Schädigung der Speiseröhrenschleimhaut: Eine prospektive Studie von Feitosa et al. (Digestive Diseases and Sciences, 2025) untersuchte hospitalisierte COVID-19-Patienten mit Ösophagusendoskopie und Biopsien. 3 bis 6 Monate nach Entlassung zeigten die Teilnehmenden nicht nur mehr Sodbrennen und sauren Reflux, sondern auch histologisch nachweisbare Veränderungen: eine erhöhte Permeabilität der Speiseröhrenschleimhaut und verstärkte Entzündungsreaktionen. Die Barrierefunktion der Speiseröhre war dauerhaft beeinträchtigt.

Motilitätsstörungen: Eine manometrische Studie von Babić et al. (Scientific Reports, 2026) bei 84 Patienten mit vorbekannten Ösophagusmotilitätsstörungen zeigte, dass COVID-19 die Peristaltik messbar verschlechtert — niedrigere kontraktile Kraft, veränderte Koordination der Speiseröhrenbewegungen.

Funktionelle Störungen nach der Infektion

Eine prospektive Kohortenstudie von Golla et al. (Clinical Gastroenterology and Hepatology, 2023) verfolgte 320 COVID-19-Genesene über 6 Monate und verglich sie mit 600 nicht infizierten Kontrollen. Zu allen drei Messzeitpunkten (Monat 1, 3 und 6) zeigten die COVID-19-Genesenen häufiger funktionelle Darmstörungen nach den standardisierten Rome-IV-Kriterien — insbesondere funktionelle Dyspepsie und Reizdarmsyndrom. Eine Studie von Changela et al. aus der Bronx, New York (Scientific Reports, 2024) verfolgte Erkrankte sogar über 3,5 Jahre und stellte fest, dass das Risiko für neu auftretende GI-Erkrankungen auch Jahre nach der Infektion noch erhöht war.

Einordnung für Betroffene

Gastrointestinale Beschwerden nach COVID-19 sind kein seltenes Randphänomen. Die vorhandene Studienlage legt nahe, dass Reflux, Dyspepsie und funktionelle Darmstörungen bei Long-COVID-Patienten häufiger vorkommen als in der allgemeinen Bevölkerung — und das über Monate bis Jahre hinweg.

Für Betroffene bedeutet das: Anhaltende GI-Beschwerden nach einer COVID-19-Erkrankung sollten ärztlich abgeklärt und nicht vorschnell als unspezifisch abgetan werden. Die Zusammenhänge zwischen Nervensystem, Schleimhautbarriere und Motilität zeigen, dass die Ursachen komplex sind und einen ganzheitlichen Blick erfordern.

Die Forschung zu Long-COVID und dem Verdauungssystem ist noch jung. Viele Fragen — etwa zur optimalen Behandlung, zur genauen Häufigkeit in der Allgemeinbevölkerung und zur Langzeitentwicklung — sind noch offen. Aktuelle Studien liefern jedoch belastbare Hinweise, dass COVID-19 weit mehr als die Atemwege betrifft.

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